Eine der gravierendsten Linux-Sicherheitslücken der vergangenen Jahre wurde nicht von menschlichen Forschern gefunden, sondern von einer KI: Anthropics Frontier Red Team hat mit einem internen Claude-Forschungsmodell eine kritische Schwachstelle im TCP/IP-Stack des Linux-Kernels aufgespürt. Die als CVE-2026-98432 geführte Lücke erlaubt Angreifern aus der Ferne und ohne jede Nutzerinteraktion das Ausführen von Schadcode mit Root-Rechten – der CVSS-Score liegt laut heise bei 9,8 von 10. Der fehlerhafte Code steckte rund elf Jahre unentdeckt im Kernel.
Elf Jahre alter Fehler – und ein Exploit, der beliebig oft anklopfen darf
Technisch handelt es sich um eine Race Condition, die zu einem Use-after-free führt: Der Kernel lässt sich dazu bringen, auf einer CPU Speicher zu verwenden, den eine andere CPU kurz zuvor freigegeben hat. Der fehlerhafte Commit stammt vom 2. Oktober 2015 und ist seit Kernel 4.4 enthalten. Betroffen sind laut heise die IPv4-Implementierungen nahezu aller Distributionen, darunter Debian, Red Hat, SUSE und Ubuntu – IPv6 ist nicht betroffen. Kernel-Maintainer Greg Kroah-Hartman bestätigte die Lücke am 15. Oktober 2026; behoben ist sie in den Kernel-Versionen 6.12.113, 6.18.56, 7.2.10 und 7.3-rc7.
Anthropic hat die Ausnutzbarkeit mit einem eigenen Proof-of-Concept belegt: Der Exploit zielt auf Systeme mit Multipath-TCP-Listener, hebelte im Test zunächst die Adressverwürfelung KASLR aus (das Leaken eines Kernel-Pointers dauerte 48 Minuten) und führte danach binnen rund fünf Minuten einen Shell-Befehl als Root aus. Besonders unangenehm: Geht ein Angriffsversuch schief, scheitert nur der Verbindungsaufbau – das System stürzt nicht ab, Angreifer können es also beliebig oft erneut versuchen. Der Exploit wurde nicht veröffentlicht, reale Angriffe sind bislang nicht bekannt. Multipath-TCP müssen Dienste explizit anfordern, allerdings aktivieren Go-Anwendungen die Funktion laut heise standardmäßig.
62 Chrome-Lücken, Safari, Android, Windows: KI-Schwachstellensuche skaliert
Die Linux-Lücke ist Teil eines Forschungsberichts, den Anthropic am 27. Oktober veröffentlicht hat. Darin beschreibt das Unternehmen fünf komplette Angriffsketten, die ein unveröffentlichtes internes Modell weitgehend selbstständig entwickelt hat: In Chrome fand die KI insgesamt 62 als kritisch oder hoch eingestufte Schwachstellen (darunter 13 Sandbox-Ausbrüche), die ab Chrome 156 gepatcht sind. Dazu kommen eine Ein-Klick-Kette in Safari, deren Meldung Apple noch am selben Tag bestätigte und die inzwischen behoben ist, eine Umgehung des Android-Sperrbildschirms an einem Pixel 9 sowie ein per Netzwerkpaket auslösbarer Windows-Absturz im QUIC-Code (CVE-2026-33096). Alle Funde liefen über Anthropics koordinierte Offenlegung mit 90 Tagen Patch-Frist plus 45 Tagen Schonfrist. Zugleich hat das Unternehmen ein Plugin mit Sicherheitsleitlinien für Claude Code veröffentlicht. heise-Security-Experte Jürgen Schmidt ordnet den Trend drastisch ein: „Da kommt eine riesige Welle von Schwachstellen auf uns zu."
Was bedeutet das für Anwender in Deutschland?
Linux läuft auf dem Großteil der Server in deutschen Rechenzentren – vom Webshop über den Mailserver bis zur hausinternen Virtualisierung. Wer Server betreibt oder betreiben lässt, sollte jetzt drei Dinge tun: Erstens prüfen, ob die eigene Distribution bereits ein aktualisiertes Kernel-Paket bereitstellt – erste Distributoren haben Updates veröffentlicht, bei anderen sind sie laut heise noch in Arbeit; den aktuellen Stand zeigen die unten verlinkten CVE-Seiten. Verfügbare Updates zügig einspielen und den anschließenden Neustart nicht aufschieben. Zweitens prüfen, ob eigene Dienste Multipath-TCP nutzen; das gilt besonders für Software, die in Go geschrieben ist. Drittens das Thema in die Risikobewertung aufnehmen: Artikel 32 DSGVO verlangt Sicherheitsmaßnahmen nach dem Stand der Technik – eine bekannte, kritische und bereits behobene Lücke wochenlang offen zu lassen, kann bei einem späteren Datenvorfall zum Haftungsproblem werden. Für Unternehmen, die unter die NIS2-Regulierung fallen, gehört ein solcher Fall ohnehin ins Schwachstellenmanagement. Die zweite Lehre ist strategisch: Dieselbe KI-Technik, die hier dem Verteidiger half, steht im Prinzip auch Angreifern zur Verfügung – die Zeitfenster zwischen Patch-Veröffentlichung und Ausnutzung werden kürzer. KI-gestützte Sicherheitswerkzeuge für den eigenen Code finden Sie in unserer Kategorie KI-Sicherheitstools, Details zum Entdecker-Modell auf unserer Claude-Profilseite.