China plant Exportkontrollen für offene KI-Modelle – Folgen für DeepSeek und Qwen

China plant Exportkontrollen für offene KI-Modelle – Folgen für DeepSeek und Qwen

China zieht bei künstlicher Intelligenz die Export-Zügel an: Das Handelsministerium (MOFCOM) und das Ministerium für Wissenschaft und Technologie haben am 16. Oktober 2026 mit der Bekanntmachung Nr. 48 einen Entwurf zur Überarbeitung des Katalogs verbotener und beschränkter Exporttechnologien vorgelegt. Betroffen sind 40 Technologien aus drei Bereichen – 23 davon aus der KI, dazu 12 aus der Photovoltaik und 5 aus der Biomedizin. Für die weltweite Open-Source-Szene ist das ein Einschnitt, denn erstmals könnten auch die Gewichte großer Sprachmodelle unter staatliche Exportkontrolle fallen.

14 Verbote, 26 Beschränkungen – was im Entwurf steht

Der Katalogentwurf sieht 14 Technologien für ein komplettes Exportverbot und 26 für Beschränkungen mit Lizenzpflicht vor. Im KI-Bereich geht es um große Sprachmodelle, KI-Agenten, Rechencluster und Informationsverarbeitung. Komplett verboten werden soll unter anderem der Export von KI-Werkzeugen, die selbstständig Schadcode schreiben oder verändern können, sowie von Modellen, die mit Chinas sicherheitsrelevant eingestuften Kerndaten trainiert wurden. Auch leistungsstarke Agenten für kritische Infrastruktur, Militär oder Behörden stehen auf der Verbotsliste. Lediglich beschränkt – also mit Exportlizenz weiterhin möglich – sind etwa KI-gestützte Schwachstellensuche, KI-Chipdesign und große Rechencluster.

Schwellenwerte: Wann Modellgewichte unter die Kontrolle fallen

Besonders relevant für die Open-Weight-Welt ist die Kontrolle von Kerntechnologien großer Modelle: Gewichte, Checkpoints, Quellcode, Architektur sowie Trainings- und Inferenzmethoden. Sie greift laut dem Branchendienst The Decoder ab einer Trainingsrechenleistung von 10^26 FLOPs, ab 2 Billionen Parametern – oder wenn ein Modell in öffentlichen Rankings zu den weltweiten Top 10 zählt. Damit zielt Peking klar auf die absolute Leistungsspitze, nicht auf die Masse der heute verfügbaren Modelle.

Wichtig sind die Ausnahmen: Bereits veröffentlichte Open-Source-Technologien fallen nicht unter die neuen Regeln. Die Nutzung über APIs, Apps, Websites und SaaS-Dienste bleibt ebenso frei wie abgespeckte Versionen auf lokalen Endgeräten. Wer beschränkte Gewichte künftig als Open Source veröffentlichen will, erhält laut Entwurf sogar eine automatische Genehmigung nach dem Prinzip „registrieren und exportieren". Das lokale Deployment beschränkter Technologien auf Servern im Ausland erfordert dagegen eine Standardlizenz. Sofort wirksam ist eine vorläufige Registrierungspflicht: Exporteure müssen betroffene Technologietransfers ab sofort über das MOFCOM-Portal anmelden. Die öffentliche Konsultation zum Katalogentwurf läuft bis zum 15. November 2026.

Dean W. Ball, Stratege bei OpenAI, ordnete den Schritt auf X ein: Der Entwurf bedeute nicht, dass China Open-Weight-Modelle abschalte – aber Peking verschaffe sich die Option, künftige Veröffentlichungen jederzeit zu stoppen. Der Rahmen spiegele die US-Exportkontrollen für Modellgewichte.

Was bedeutet das für Anwender in Deutschland?

Für deutsche Unternehmen sind chinesische Open-Weight-Modelle längst Alltag: DeepSeek V4, Qwen 3.6 oder GLM-5.2 laufen DSGVO-freundlich auf eigener Hardware oder bei EU-Hostern – ohne Datenabfluss nach China oder in die USA. Die gute Nachricht: Alles, was bereits als Open Source veröffentlicht ist, bleibt ausdrücklich ausgenommen. Wer heute ein chinesisches Modell lokal betreibt, muss nichts ändern. Auch wer chinesische KI nur per API oder App nutzt, ist nicht betroffen – hier gelten allerdings weiterhin die bekannten DSGVO-Bedenken wegen des Serverstandorts China.

Mittelfristig entsteht jedoch ein Risiko für die europäische Souveränitätsstrategie, die stark auf lokal gehostete offene Modelle setzt: Künftige chinesische Spitzenmodelle oberhalb der Schwellenwerte könnten verzögert, nur mit Lizenz oder gar nicht mehr als offene Gewichte erscheinen. Mittelständler sollten deshalb jetzt keine Panik schieben, aber ihre KI-Strategie auf mehrere Beine stellen: bereits veröffentlichte Modellversionen lokal sichern und versionieren, bei neuen Projekten europäische Open-Weight-Alternativen wie Mistral mitevaluieren und Abhängigkeiten von einem einzelnen Modellanbieter dokumentieren – das verlangt der EU AI Act für viele Einsatzszenarien ohnehin. Wer auf Nummer sicher gehen will, prüft vor dem nächsten Modell-Update, ob die gewählte Version schon öffentlich verfügbar war, bevor der neue Katalog in Kraft tritt.

Quellen